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Dienstag, 25. April 2017

Paquimé, Casas Grandes

Im Nordwesten des Bundesstaates Chihuahua, westlich des alten Camino Real zwischen El Paso und der Bundes­haupt­stadt Chihuahua, liegt Casas Grandes mit seiner berühmten Ausgrabungs­stätte Paquimé. Das ausge­dehnte archäo­logisch interessante Gebiet am Fuß der Sierra Madre Occidental erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 60 Hektar am West­ufer des Casas Grandes River; erst 10 Hektar des historisch so bedeu­tenden Gebietes wurden bis heute ausge­graben und gesichert. Die Über­reste der Siedlung sind beein­druckend.

Mehrere Bauten, bestehend aus bis zu 600 Räumen, wurden aus gestampftem Lehm im müh­seligen Hand­auflege­verfahren errichtet. Dabei wird nasser Lehm mit der Hand auf eine bereits vorhandene Lehm­schicht aufge­tragen und gleich­mäßig verstrichen. Interessanter­weise hatten die Gebäude recht­winklige Mauern, was auf eine intensive Bau­planung hinweist und einen bemerkens­werten Unter­schied zu Bauten anderer Kultur­kreise dieser Epoche darstellt. Wasser wurde in offenen Gräben durch die Räume geführt. Ein weiteres Kenn­zeichen der Gebäude waren die T-förmigen Türen, die die einzelnen Zimmer mitein­ander verbanden. Die Gebäude umschlossen große Spiel- oder Versammlungs­plätze. Es gab unter­irdische religiöse Versammlungs­räume und begehbare Brunnen. Die Über­reste der festen Verkaufs­stände auf den Märkten, die Ställe der Trut­hähne und der aus Süd­amerika importierten Papageien sind heute noch sichtbar.
Die Entwicklung der Bautechnik im 7. Jahr­hundert n. Chr. begann in Paquimé mit den aus der nord­amerika­nischen Pueblo-Kultur bekannten Gruben­häusern – einfache Erd­gruben, mit primitiven Dächern bedeckt. Im Verlauf der Jahr­hunderte setzten sich ein­stöckige Häuser durch, während in der Hoch- und End­phase von Paquimé mehr­stöckige Häuser mit faszi­nierenden Galerien und Säulen errichtet wurden. Die stützenden Säulen standen dabei meist auf Sand­stein­sockeln. Die Spitzen der Pyramiden, aus Erde aufge­schüttet, hatten Platt­formen – möglicher­weise wurden sie für religiöse Zeremonien genutzt bzw. dienten für Signal­feuer oder als Beobachtungs­posten.

Wie alle vorkolumbianischen Siedlungen gibt uns Paquimé mehr Rätsel auf, als bis jetzt lösbar sind. Schrift­liche Auf­zeichnungen der einstigen Bewohner existieren nicht oder wurden von den spanischen Eroberern voll­ständig vernichtet. Die Funde deuten darauf hin, dass während der Besied­lung (700-1450 n. Chr.) Verbindungen wirt­schaft­licher und kultu­reller Art nach Süden bis nach Mittel­amerika und nach Norden bis in die heutigen US-amerika­nischen Bundes­staaten Texas, New Mexiko und Arizona aufgebaut wurden. Die Entwicklung der Casas-Grandes-Kultur war langsam. Man betrieb Land­wirt­schaft im Stil der damaligen Zeit, d. h. Anbau von Mais, Kürbissen und Bohnen, ergänzt durch die Jagd von Nage­tieren und Rot­wild. Auf­fallend ist, dass in Paquimé sogar Bison­knochen nachweis­bar sind.
Nach Ansicht der Archäo­logen verlief die Entwicklung in der Endphase Paquimés in kürzester Zeit und offen­sichtlich plan­mäßig. Paquimé erhielt nun auch eine schützende Befestigungs­mauer. Hoch interessant ist die Tatsache, dass um 1350, eine Zeit, in der übrige Pueblo-Kulturen wie z. B. die Anasazi, Mogollon und Hoho kam zusammen­brachen und ihre Sied­lungen verließen, Paquimé sich zu einem Handels­zentrum mit geschätzten 10.000 Einwohnern entwickelte. Aus dieser Zeit stammen auch die großen Lager­häuser, in denen die Vorräte der Indianer gespeichert wurden; hier fanden Archäologen die Überreste der bedeutenden Kupfer-, Keramik- und Muschelarbeiten. Heute nimmt man an, dass das Handwerk in dieser Zeit sehr stark weiter­entwickelt wurde. Neben einer richtigen „Keramik-Industrie“ sind die hoch­wertigen Kupferarbeiten zu nennen; Kupferteile wurden kalt gehämmert oder nach dem Wachsausschmelzverfahren herge­stellt – dabei wird eine Form aus Wachs mehrmals in Sand­schlämme getaucht und getrocknet. Das so entstandene Modell wird erhitzt, sodass das Wachs aus der Form ablaufen kann. Zurück bleibt die leere Form, die jetzt mit flüssigem Metall gefüllt wird. Wenn das Metall erkaltet ist, wird die Form zerschlagen und das fertige Werk­stück liegt vor. Eine Basis für den Handel mit eigenen Produkten war geschaffen.

Welcher Faktor diesen Entwicklungsschub verursachte, ist umstritten. Eine Theorie besagt, dass bedingt durch die Ausweitung des Handels, eine Invasion von weiter entwickelten Händlern und/oder Priestern aus dem Süden Mexikos ziel­bewusst die Führung beim Ausbau der Sied­lung übernahm. Dafür sprechen bau­technische Entwicklungen, die auf den mittel­amerika­nischen bzw. zentral­mexika­nischen Einfluss hin­weisen, z. B. die Aus­kleidungen der Gruben und Wasser­leitungen mit Steinen, hierfür war der gestampfte Lehm unge­eignet. Nach einer anderen Theorie wanderte die Bevöl­kerung der aufge­gebenen Pueblo-Kulturen nach Paquimé ein und baute den Ort entsprechend aus.

Trotz der Blüte war Paquimé schon vor Ankunft der Spanier wieder verlassen. Das Ende der Casas-Grandes-Kultur im 15. Jahr­hundert n. Chr. kann durch kriegerische Über­fälle oder durch den Zusammen­bruch des Handels gekommen sein. Bei der Beschrei­bung der Ausgrabungs­arbeiten wird davon berichtet, dass Leichen im Bewässerungs­system lagen und die wert­vollen Zucht­vögel offen­sichtlich in ihren Käfigen verhungerten, was auf ein gewalt­sames Ende des Pueblos schließen lässt. Möglich ist auch, dass die große Zahl der Menschen nicht mehr zu ernähren war und diese sich wieder zu kleineren Siedlungs­einheiten zusammen­schlossen, die die Umwelt nicht so stark belasteten.

Die berühmten Keramikarbeiten aus dem alten Paquimé, ein wichtiger Bestand­teil des vor­kolumbia­nischen Handels, sind bis auf wenige Exemplare nur als Scherben in den großen Museen dieser Welt zu bewundern.

In den 60er Jahren des 20. Jahr­hunderts war in Mata Ortíz, einem kleinen Ort in der Nähe Paquimés, der junge Juan Queseda von den kera­mischen Über­resten der Aus­grabungen so fasziniert, dass er in einer Reihe von Experimenten versuchte, ähnliche Keramiken herzu­stellen. Dazu war es notwendig, das richtige Roh­material zu finden. Reiner Ton riss beim Trocknen. Es dauerte einige Zeit bis man das ursprünglich benutzte Material fand - Ton mit Vulkan­asche vermischt, aus einer Fund­stelle in der Nähe von Paquimé. Zu dem Aufbau der Gefäße, der Bemalung und dem Brand mussten weitere Versuche durch­geführt werden. Heute arbeiten in Mata Ortíz fast 500 Töpfer und versuchen, mit jedem Stück an die Qualität der Originale von Paquimé anzuknüpfen.