Mexiko / Baja California / Kakteen
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Mittwoch, 26. April 2017

Kakteen

Cristata eines Cardóns bei Cataviña
Cristata eines Cardóns bei Cataviña
Cardón in der Sierra San Francisco
Cardón in der Sierra San Francisco
Blühende Opuntia vor Loreto
Blühende Opuntia vor Loreto

Baja California, der Kakteengarten Mexikos.

Cardón, Cholla, Pitaya, Cochal, Senita – Kakteen aller Formen und Größen begleiten den Reisenden auf Schritt und Tritt. Ob säulen­förmig oder als Kugel, ob mit scheiben­förmigen oder zylinder­förmigen Trieben, sie dominieren die Vegeta­tion und bilden, da sie bis an die Küsten­linie wachsen, zum azur­blauen Meer einen einmaligen faszinierenden Kontrast.

Dabei sind Kakteen über die ganze Neue Welt verbreitet. Sie wachsen von Kanada bis Patagonien, vom Pazifik bis zum Atlantik, vom Meeres­niveau bis 4.500 m Höhe, im Dschungel und in der Wüste, auf dem Boden oder epi­phytisch auf anderen Pflanzen. Die größte Arten­vielfalt findet man jedoch im Süd­westen Nord­amerikas. Allein in Nord-Mexiko existieren etwa 1.000 Arten, in Baja California 120. Gut die Hälfte davon ist endemisch.
Da sie sich an Trocken­gegenden angepasst haben, sind Kakteen Meister im Sparen und Nutzen von Wasser. Alle Teile der Pflanze dienen diesem Zweck. Das Wurzel­werk ist groß­flächig und ober­flächen­nah, der Stamm aus sukkulen­tem wasser­speicherndem Gewebe gebildet. Parallel laufende Rippen bewirken eine Volumen­vergrößerung nach dem Zieh­harmonika-Prinzip, so dass manche Kakteen ihr Gewicht durch Wasser­aufnahme verdoppeln können! Bis 95 % des Total­volumens kann dann Wasser sein! Blätter sind nicht mehr zu sehen. Sie wurden wegen der zu hohen Wasser­verluste zu Dornen in verschiedenster Länge, Form und Härte umge­wandelt; die Photo­synthese übernimmt die grüne Stamm­rinde. Ein dichtes Dornen­kleid schützt gleich­zeitig auch vor Fraß und isoliert gegen Hitze wie Kälte gleicher­maßen. Leder­häute, Wachs­schichten und Silber­härchen helfen gegen die Ver­dunstung und reflek­tieren die Sonnen­strahlung.
Und die Blüten? Meist blühen Kakteen nur wenige Tage in schönen Farben von weiß, gelb, rot bis lila.

Manche öffnen ihre Blüten ausschließlich nachts. Sie werden dann im Gegen­satz zu den Tag­blühern – die auf Vögel und Schmetter­linge attraktiv wirken – von Fleder­mäusen und nacht­aktiven Insekten befruchtet.
In Baja California spielen Kakteen eine überaus wichtige Rolle im Öko­system und sind für viele Tiere Lebens- und Nahrungs­grund­lage; z. B. der Cardón; mit manchmal bis über 20 m Höhe und 1,5 m Durch­messer ist er der mächtigste Kaktus der Welt. Solch ein Koloss hat bis 12 t Gewicht, nach ausgiebigen Regen­fällen oft das Doppelte! Und er kann, da er sehr langsam wächst, weit über 200 Jahre alt werden.
Cardónes sind besonders für Vögel mehr­stöckige Apartment­häuser, in denen sie ihre Brut aufziehen. Gila­spechte bohren jeden Früh­ling neue Nist­höhlen in die Stämme. Außer ihnen bewohnen wohl ein Dutzend Vogel­arten die Höhlen; z. B. Eulen, Stär­linge oder Kaktus­zaun­könige. Gelegent­lich hält sich auch ein Leguan darin auf. Andere Vögel nisten in den „Astgabeln“, so Weißflügel­tauben und Rotschwanz­bussarde oder sie benutzen den Cardón als Warte (Trut­hahngeier).
Kakteen­früchte stellen in der trockenen wasser­armen Umwelt eine wichtige Nahrungs­quelle dar. Einge­bettet in das Frucht­fleisch sind gehalt­volle Samen, beim Cardón z. B. bis zu 2.000! Die Früchte werden gerne von Kojoten, Wild­schweinen, Füchsen, Nagern, Vögeln und Insekten gefressen.

Und auch der Mensch ist ihnen nicht abgeneigt. Schon früher bereiteten Indianer daraus Marme­lade, Sirup und Wein. Besonders begehrt waren die tennis­ball­großen saftigen und süßen Früchte des Orgel­pfeifen­kaktus (Pitaya dulce). Ihre Reife­zeit war für die Pericu-Indianer in der Kap­region eine Zeit der Feste und sozialen Ereignisse. Sie richteten ihren Kalender danach aus und veran­stalteten regel­rechte Frucht-Orgien. Dies war die sog. erste Ernte. Nachdem die Indianer die Samen unverdaut an bestimmten Stellen ausge­schieden hatten, sammelten sie sie später wieder ein und bereiteten daraus, gemahlen und zu Teig verarbeitet, das kräftige Pozole (zweite Ernte).

Charakteristisch für Baja California sind auch die busch­förmig wachsenden Opuntien oder Feigen­kakteen und Chollas, die in mehreren Arten vorkommen. Der Unter­schied zwischen beiden Formen: Opuntien haben scheiben­artige ovale Triebe, Chollas zylinder­förmige. Aus dem gekochten Frucht­fleisch junger Opun­tientriebe gewinnt man die beliebten nopalitos, die als Gemüse ähnlich grünem Spargel gegessen werden. Hierzu werden Opuntien in Kulturen ange­pflanzt. Die Früchte (tunas) mancher Opuntien­arten isst man roh oder verarbeitet sie zu Sirup und Marmelade.
Aber nicht nur als Nahrung sind Kakteen nutzbar. Manche eignen sich, dicht gepflanzt, als lebende Zäune gegen unliebsame Tiere oder zur Ein­grenzung von Weiden. Die verholzten Streben der großen Arten wie Cardón und Orgel­pfeifen­kaktus dienten den frühen Siedlern als Bau- oder Brenn­material.

Stacheln waren Werkzeuge oder Angelhaken, so etwa die besonders langen und stabilen Stacheln der Fass­kakteen. Despek­tier­lich als Schwieger­mutter­kissen tituliert, sind sie massive hüft­hohe Gebilde. Manche Kakteen sind in der Kosmetik­industrie begehrt, denn sie enthalten erfrischende, haut­regenerie­rende Substanzen. Und auch die Medizin weiß sie zu schätzen; so z. B. den Peyote, der das Mescalin zur Blutdruck­regulierung liefert.
Neben den großen auffal­lenden Kakteen Bajas leben noch viele weitere im Ver­borgenen. Unter Büschen verstecken sich z. B. die zier­lichen kugel­förmigen Mammilarias. Oder der Echinocereus engelmannii/Strawberry Cactus, eine der ersten im Frühjahr blühenden Arten.

Etwas besonderes in Bajas Kakteenwelt ist sicher der nur in der Magdalena-Ebene vor­kommende Kriechende Teufel. Er schiebt sich langsam in Form von „wandernden Trieben“ über den Wüsten­boden und klettert sogar über Hinder­nisse hinweg. Dies geschieht durch Wachstum an der Spitze, Absterben des Endes und Einsenken von Wurzeln in den Boden. Nachdem so die Mutter­pflanze abge­storben ist, treiben die Ableger selbst weiter aus. Leider hat die Einengung des Lebens­raumes wegen des Bewässerungs­feldbaus die Kriechenden Teufel selten werden lassen, wie auch so viele andere Kakteen­arten, die der Land­wirt­schaft im Wege stehen. Ihre Beliebt­heit als Sammler- und Dekorations­stücke trägt ebenfalls zum massiven Rückgang bei. Alle Kakteen stehen heute im Washing­toner Arten­schutz­abkommen auf der Liste bedrohter Pflanzen und dürfen daher auch in Mexiko nicht von ihrem Standort entfernt werden.